Magazin | MutMacher
Bruno Ruf (94)

»Manches braucht man einfach, sonst geht’s bergab«

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Bruno Ruf hat ein Lebensmotto: »Ich brauche Aufgaben, sonst geht's mit mir bergab.« Mit einem Augenzwinkern schiebt er hinterher: »Wer klapprig ist, ist nicht so beliebt.«

Kommunikativ und immer zu einem Spaß aufgelegt. Bruno Ruf ist in seinem Geburtsort Kappel verwurzelt und überall bekannt. Seinen Alltag meistert er allein, nennt das eine wichtige Aufgabe, ohne die es im Alter bergab gehen würde. Im Fokus seines langen Lebens steht die kleine Familie und seine Arbeit, die ihm bis über den möglichen Rentenbeginn hinaus einfach Freude gemacht hat.

»Von früher Jugend an hatte ich Lust daran, mir neue Ideen zu überlegen, mit denen die Arbeit effektiver werden könnte. Fast immer ist es mir gelungen, meine Chefs davon zu überzeugen. Mein Vater war bei der Saba. Auch ich wollte dort mit einer Lehre anfangen. Es kam anders. Der Termin für eine Aufnahmeprüfung wurde verschoben, ohne dass ich davon erfuhr. Kurzerhand beschloss ich, dass mein Weg von Kappel nach Villingen mit dem Fahrrad bei strömenden Regen nicht umsonst sein sollte. Ich klopfte bei Kaiser Uhren an und wurde freundlich empfangen. Die Aufnahmeprüfung habe ich bestanden und konnte die Lehre beginnen. Mein Vater war nicht begeistert, dass ich alles so schnell geregelt und meinen Vertrag in der Tasche hatte. Er haderte, weil er nicht wusste, wie er das seinem Personalchef beibringen sollte. Anfangs verlief in meiner dreijährigen Lehre nicht alles reibungslos. Es war üblich, dass die Lehrlinge aus dem zweiten und dritten Lehrjahr die neuen anweisen konnten. Und sie haben mich provoziert, zumal ich klein und schmächtig war. Als ein Kamerad mich hochgehoben hatte und der andere mir Schläge verpasste, stand mein Vorsatz fest: Das sollten meine letzten zwei Schläge gewesen sein. Ich fand für mich einen Judolehrer. Der meinte, dass ich zwar nicht der kräftigste sei, aber er wollte etwas aus mir machen. Von ihm habe ich vieles gelernt, das mein ganzes Leben geprägt hat. Er brachte mir bei, meinem Gegenüber immer direkt in die Augen zu schauen, mich daran zu orientieren und erkennen, was der andere will und tun wird. Und er gab mir den Tipp, niemals als erster einen Streit oder eine Schlägerei zu beginnen. Das war genial. Meine Sorge war, wie ich mit meiner Körpergröße mit anderen auf Augenhöhe komme. Er meinte nur, ich solle das Knie anheben, dann käme der andere von allein runter. Ich war gut trainiert und hatte Kraft wie der Teufel. Später habe ich selbst Lehrlinge ausgebildet, war streng, aber ich denke auch gerecht. Meinem Judolehrer verdanke ich, dass ich immer eine gerade Linie vertreten habe, wenn ich davon überzeugt war.

»Linkshänder wurden schräg angesehen – aber nicht von mir

Als ich nach der Lehre einen Job als Ausbilder bekam, versuchte mein Vorgänger, aufzupassen und mich zu korrigieren. Einmal sah er meinen Lehrling, wie der mit der linken Hand schaffte. Ich sollte das unbedingt ändern und ihn nur mit der rechten Hand schaffen lassen. Damals war das ein Problem. Dem Kollegen habe ich geantwortet, dass ich nichts ändere und der Linkshänder das gleiche schafft wie ein Rechtshänder. Ich habe mich durchgesetzt und es hat funktioniert.
Die nächsten Schritte meiner Laufbahn waren mein Gesellenabschluss und danach der Meisterbrief. Als ich hörte, dass die Firma Jerger Uhren in Niedereschach jemand suchte, bewarb ich mich, weil ich neue Herausforderungen wollte. Ich wurde durch alle Abteilungen geführt und bekam sofort einen Vertrag. Wir haben 3500 Wecker am Tag gebaut und dann die ganze Firma auf den Kopf gestellt. Kein Stein blieb auf dem anderen. Anschließend produzierten wir 8.000 Wecker pro Tag. Das war ein Kraftakt, der aber Spaß gemacht hat. Einmal war ich in den USA bei General Electric. Ohne Englischkenntnisse konnte ich die überzeugen, zu Jerger zu kommen. Das Thema war damals geräuschlose Uhrwerke her, die nicht so schnell den Geist aufgaben. Ich wurde Betriebsleiter und habe weiter als Praktiker gearbeitet. Das war mir wichtig. Kurz vor meinem Rentenbeginn nahm ich Kontakt mit dem Fraunhofer Institut auf. Dort traf ich einen Abteilungsleiter, mit dem ich auch das Thema Reinraumtechnik besprochen habe und den ich unbedingt zu Jerger für den Chefposten holen wollte. Das ist mir gelungen. Mit ihm konnte ich sehr gut arbeiten, obwohl wir nicht immer einer Meinung waren und er manches lockerer sah. Trotzdem konnte ich mit ihm reden, wenn er meiner Meinung nach übers Ziel schoss. Produziert haben wir dann Reinraumtechnik und Wecker. Meinen Rentenbeginn habe ich rausgeschoben und wurde in der neuen Firma Technischer Leiter. Heute noch denke ich an meinen Judolehrer und schaue den Menschen in die Augen. Sprichwörtliche Schubladen sollten meiner Meinung nach nie zugemacht werden. Es ist sinnvoll, sie offen zu lassen, und sich zu überlegen, was der Gesprächspartner meint und warum.

»Privat war ich Motorradfan und meine spätere Frau spielte Blinker

Mein größter Wunsch war eine BMW. Mit 18 Jahren kratzte ich mein Geld zusammen und knüpfte wichtige Kontakte. Man konnte damals nicht in ein Geschäft gehen und ein Motorrad bestellen. Zwei Jahre vergingen, dann saß meine spätere Frau hintendrauf und wir fuhren stolz nach Heidelberg. Ihr habe ich damals immer gesagt, in welche Richtung wir abbiegen und sie hat ihren Arm ausgestreckt. Bei mir dachte ich, dass das keinen Wert hat und anders gehen muss. Zufällig sah ich einen Bus mit Blinklichtern und baute ein Muster nach meiner Idee. Nach zwei Jahren hatte ich mein erstes Patent, dem weitere folgten. Schade war, dass BMW kein Interesse an den Blinkern hatte. Irgendwann habe ich das Patent verkauft, und wir bauten damit unser erstes Haus in Obereschach.

Und heute mit 94? Leider ist meine Frau schon gestorben. Außer meiner Putzfrau habe ich auch liebe Leute in meiner Nähe, die mich täglich anrufen, fragen wie es geht und ob ich etwas brauche. Meine Tochter ist Ärztin und wohnt weit weg. Sie meldet sich ständig bei mir und besucht mich. Das ist ein super Gefühl. Mein starker Wille ist, den Alltag allein zu organisieren.«

»Mein erstes Patent und mein Meisterstück: Damit werden Rundteile für Drehmaschinen griffiger. Zur Prüfung haben alle gestaunt: Was ist das, so was haben wir noch nie gesehen.«

»Mein erstes Patent und mein Meisterstück: Damit werden Rundteile für Drehmaschinen griffiger. Zur Prüfung haben alle gestaunt: Was ist das, so was haben wir noch nie gesehen.«

»Sprichwörtliche Schubladen sollten meiner Meinung nach nie zugemacht werden. Es ist sinnvoll, sie offen zu lassen, und sich zu überlegen, was der Gesprächspartner meint und warum.«

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Das war das erstes Patent von Bruno Ruf, und weitere folgten.