»Die Krankheit habe ich nie auf einem Schild vor mir hergetragen«

Vor 50 Jahren erhielt der junge Mann die lebenslang begleitende Diagnose: Multiple Sklerose. Gedanken machte er sich nicht. Sein Vorbild zeigte ihm, wie trotz allem ein gutes Leben möglich ist. Seit 47 Jahren ist er mit seiner Frau Inge verheiratet.
»Mit 22 spürte ich ein Kribbeln und Taubheit in den Händen. Die einzige Untersuchungsmethode war eine Rückenmarkpunktion. In Tübingen und Freiburg wurde die Diagnose bestätigt. Medikamente gab es nicht. Meine Familie war in der Herrnhuter Brüdergemeinde in Königsfeld und kannte Bruder B. (Name ist der Redaktion bekannt), der die selbe Erkrankung hatte. Er war ein lebensbejahender Mensch und fuhr täglich bei jedem Wetter mit dem Fahrrad, auch nach Villingen, um Sprachunterricht zu geben. Der Mann war erfinderisch und brachte an der Unterseite der Stange seines Herrenfahrrades eine Klick-Befestigung an, um seinen Stock mitzunehmen. Den brauchte er als Stütze, wenn er absteigen musste. Für mich war er ein Geschenk und Vorbild. Aufgrund seiner Lebenseinstellung sah auch ich in meiner Krankheit keine Bedrohung. Natürlich hielt sich Sport bei mir in Grenzen. Selten war ich Skifahren, weil ich merkte, dass die Schwünge nicht mehr gut gingen und beschwerlich wurden. Ich lernte meine tolle Frau kennen, habe ihr von meiner Krankheit erzählt, sie hakte meine Info ab und nahm mich trotzdem. Mit der Zeit lernte ich, dass MS-Erkrankte unterschiedliche Symptome haben und verschiedene Entwicklungen möglich sind. Vergleiche mit anderen gehen nicht. Ein Freiburger Professor sagte mal zu mir ›Sie wissen was es ist. Jeder Schub geht wieder weg. Wann er wiederkommt, weiß ich nicht.‹ Medikamente gab es wenig, ab und zu wurden neue probiert. Auf die Geburt unserer beiden Kinder hätten Medikamente Einfluss haben können. Zum Glück sind beide gesund. Wir waren eine ganz normale Familie. Als die Kinder klein waren, machten wir um die Krankheit kein Aufheben, sie war nie Thema oder gar Anlass nach dem Motto, auf mich Rücksicht nehmen zu müsste. Lange wussten die Kinder nichts, bis mal ein superschlauer Klassenkamerad unserem Sohn erzählte, dass seine Mutter wisse, dass ich bald im Rollstuhl sitzen würde. Wir haben das kurz und bündig aufgeklärt, aber daraus keine Katastrophe gemacht.
»Man nimmt das Leben anders auf – meine Erkrankung ist nicht planbar
In unserer Freizeit haben wir tolle Weltreisen gemacht und dabei auch festgestellt, dass Sonne Gift für mich war. Da muss man umdenken, weil das Wort ›wollen‹ eine Rolle spielt. Wir hatten nicht unendlich Zeit. Ich wollte mich beruflich mal verändern, habe bei meinen Bewerbungen die MS benannt. Für einige war das eine Hürde. Zum Glück kam von einem großen Betrieb eine Einladung. Die hatten kein Problem mit mir und unterstützten mich. Bis zur Rente – das war mein Ziel – war ich dort 18 Jahre als Personalleiter tätig. Mir hat die Arbeit große Freude gemacht. Für mich war das die beste Medizin, ich kann das nur jedem empfehlen. Natürlich war ich abends oft erschöpft. In der Zeit stellte mir mein Neurologe ein Medikament vor, dass mir mehr Schwung gab, aber leider auch die Knochen kaputt machen werde. Bewusst riskierte ich das, denn Arbeit war mein Lebenselixier. Zuerst kam die mühsame Wiedereingliederung, nach einer Woche fuhr ich fröhlich pfeifend zur Arbeit. Jetzt sitze ich inzwischen im Rollstuhl. Unsere Wege zu Ärzten und in Restaurants richten sich nach Treppenstufen. Selbst kleine Urlaube in der Nähe gehen nicht, auch behindertengerechte Hotels haben Boxspringbetten. Tagesfahrten stehen noch im Plan. Gerne möchte ich noch auf den Rottweiler Turm.«
»Ich lernte meine tolle Frau kennen, habe ihr von meiner Krankheit erzählt, sie hakte meine Info ab und nahm mich trotzdem.«
